Aus dem Stegreif

Aus dem Stegreif

Auch das diesjährige Onlinesemester startete im April wie jedes Jahr mit der Stegreifwoche. Die Umstände waren allerdings andere. Dieses Mal hieß es nicht: alle Materialien zusammenkramen und mit Sack und Pack um Punkt neun in der Uni unter den Eichen anzutreten, um die erste Tagesaufgabe entgegen zu nehmen. Vielmehr Käffchen/Tee vorbereiten und zunächst die Aufgabe online herunterladen.

Dennoch galt es auch in diesem Semester: Jeder Tag bringt eine neue Aufgabe mit sich, die aus dem Stegreif bearbeitet und am Ende des Tages eingereicht werden muss.

›Aus dem Stegreif ‹. Was genau bedeutet das? Ursprünglich war aus dem Stegreif rein wörtlich zu verstehen als ›etwas tun/vortragen, ohne vom Pferd zu steigen‹. Hieraus leitete sich die übertragene Bedeutung ab, die sich bis heute gehalten hat: etwas ohne Vorbereitung, ohne langes Überlegen tun oder vortragen, improvisieren. Dafür stellen wir im Folgenden den diesjährigen Onlinestegreif aus dem Projekt Raum von Professor Holger Kleine vor und zeigen auf diese Weise, was aus dem Stegreif möglich ist. Anders als in den vorigen Semestern sind dieses Mal die Aufgaben miteinander verknüpft und von ein und derselben Person gestellt. Manchmal bedarf es vielleicht gar nicht Wochen an Überarbeitung und Konzeptionierung und es gelingt im Rahmen der Stegreifwoche in kürzester Zeit abzuliefern. Wie einst Lessing sagte: „Jedes große Genie redet alles aus dem Stegreif.“

An den Stift, fertig, los!

Projekt Raum – Stegreif SoSe 2020

Tag 1 Where are you? What do you see?

Quarantäne, Confinement, Lockdown, Shutdown die unbewusste Angst ein „Spreader“ sein zu können zwingt uns in die eigenen vier Wände. Täglich befinden wir uns im selben Umfeld. Zeit die Wahrnehmung mal wieder zu Aktivieren. Die eigenen vier Wände neu zu sehen, sie zu befragen, zu reflektieren. Aufgabe: Mit der Kamera/Handy „ungegenständliche“ Fotos von dem in dem Sie leben, und den Dingen, mit denen Sie leben. Gegenstandslos bedeutet, dass die Dinge, die man auf dem Foto sieht, nicht mehr erkennbar sind und als etwas anderes lesbar werden. Abstrakt werden. Neue Welten entstehen lassen.

Tag 2 What’s hidden? What do I not see?

Im zweiten Schritt sollte sich mit einem Gegenstand beschäftigt werden, der sich im Zimmer befindet, aber dessen Innenleben unbekannt ist. Dieser sollte fortan verkleinert/vergrößert (Maßstab 1:1, 1:2, 2:1..) werden und durch genaue Schnittzeichnungen dargestellt werden. Dabei wird klar zwischen Materie und Luft unterscheiden und das auch zeichnerisch zum Ausdruck gebracht. Mit den Schnitten offenbaren sich Eigenschaften, Gestaltung und „Begründung“ des Gegenstandes, die so vielleicht vorab nicht erwarten worden sind. „In der Zeichnung muss Sorgfalt walten. Plumpheit ist ihr größter Feind. Durch Sorgfalt entwickeln Sie Respekt gegenüber diesem vielleicht völlig alltäglichen, trivialen Gegenstand.“ Hieß es im weiteren Verlauf der Aufgabe.

                     

Tag 3 What flows as into each other?

Die Fotografien (Step1) und die Zeichnungen (Step2) werden durch Nachzeichnungen (Neuzeichnungen) komprimiert und zu einer einzigen, reichhaltigen Zeichnung. Die Zeichnung ist atmosphärisch aufgeladen, aber sie ist kein perspektivisches oder irgendwie naturalistisches oder impressionistisches Bild!

Tag 4 How do I wander through my erosion fantasies? (my best holiday experience 2020)

Mit Fantasie aus den eigenen vier Wänden ausbrechen. Die Zeichnung aus (Step3) wird nun als Grundriss interpretiert. Es wird ein Schnitt durch den Grundriss gelegt. Dieser verläuft quer durch das Grundrissblatt. „Zeichnen Sie nun die aufgehenden Wände, deren Spur (Abdruck) wir im Grundriss bereits vor uns sehen. Fantasieren Sie, wie die Wände (Massen/Blöcke) im Schnittprofil aussehen, sie sind nicht nur Extrusionen, nicht nur schnurstracks nach oben gezogenen Wände, sondern skulpturierte Gebilde mit Anwinklungen, Unterbrechungen, Auskragungen usw.“.

In diesem Schritt wird der Fantasie ein Maßstab gegeben. Am Ende werden Stegreif 3 und 4 eine Zeichnung bestehend aus zwei Schnittebenen – einer horizontalen und einer vertikalen. Die Zeichnungen werden zusammengelegt und abfotografiert. „Wir haben nun eine Axonometrie eines Raumkontinuums, das einmal horizontal geschnitten ist und einmal verikal.“